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Gicht - Wenn der große Zeh anfängt, weh zu tun

Gicht ist eine erbliche Erkrankung und stellt eine Stoffwechselstörung dar. Man nennt diese Erkrankung auch Hyperurikämie.

Das bedeutet, dass Ihr Harnsäurespiegel im Blutserum die Schwelle von 6,4 mg/dL dauerhaft überschritten hat.
Harnsäure ist das Endprodukt des Purinstoffwechsels. Purine sind Bestandteile der Nukleinsäuren (DNA, RNA), die in jeder menschlichen und tierischen Zelle vorkommen. Purine bildet Ihr Körper selbst, er holt sie sich aber auch aus der Nahrung.

Bei 99% der Erkrankten liegt die Ursache in einer angeborenen verringerten Ausscheidung der erhöhten Harnsäuremenge über die Niere. Die Folge ist, dass die Harnsäure in Kristallform ausfällt, sich im Körpergewebe ablagert und für Entzündungsprozesse und Schmerzen sorgt.

Die Harnsäurewerte im Blutserum können sich auch als Folge einer Niereninsuffizienz oder der sogenannte chronisch myeloische Leukämie erhöhen. Auch bei einer Strahlen- oder Zytostatika-Therapie zur Behandlung von Krebserkrankungen fallen vermehrt Purine aus, weil dabei Körperzellen zerstört werden.

Die Gicht kommt vor allem in den Industrienationen vor, sie betrifft 30% der Männer und 3% der Frauen. Frauen sind in ihren „hormonaktiven“ Jahren nach der Pubertät und vor den Wechseljahren durch das Hormon Östrogen zunächst vor der Gichterkrankung geschützt. Östrogene verbessern die Ausscheidung der Harnsäure.

Schuld an der Erkrankung haben die zunehmend fett- und fleischreichere Nahrung, aber auch Alkoholgenuß und wenig Bewegung. Der akute, sehr schmerzhafte Anfall erfolgt häufig nachts oder am frühen Morgen nach einer üppigen purinreichen Mahlzeit. In der Regel trifft es Ihr Großzehengrundgelenk, seltener das Sprunggelenk, die Fußwurzel, das Knie- oder das Fingergelenk.
Typisch ist, dass sich die akute Attacke immer nur an einem Gelenk festsetzt. Die Haut ist an dieser Stelle immer gerötet, heiß, geschwollen und extrem berührungsempfindlich. In der Regel bringen weder Kühlung noch Wärme Linderung. Nur ein lockerer Watteverband bietet einen gewissen Schutz.

Die Schmerzursache liegt darin, dass in Geweben mit geringem Stoffwechsel, wie Knochen, Knorpel und Sehnen die Harnsäure in Kristallform ausfällt und von Zellen Ihres Immunsystems als körperfremd erkannt und „aufgefressen“ wird. Diese Freßzellen werden durch die spitzen Kristalle zerstört, und es treten Enzyme aus, die wiederum eine Entzündung verursachen. Dadurch sinkt innerhalb dieses Gewebes der pH-Wert, und es fällt erneut die Harnsäure aus. Es entsteht ein Teufelskreis.

Wenn nach Ihrem ersten Gichtanfall eine sachgerechte Behandlung erfolgt, kann die Gicht symptomlos werden. Erfolgt keine Behandlung, so kommen die Anfälle nach symptomfreien Intervallen von Wochen bis Jahren in immer kürzer werdenden Abständen in der Regel am gleichen Gelenk wieder.
Die Folge ist, dass sich die Kristalle, als sogenannte Tophi, an Ihren Gelenken, Knorpeln und Sehnen festsetzen. Man erkennt sie äußerlich als weißliche, perlenartige Verdickungen an der Ohrmuschel, an Händen oder Füßen. Sie führen zur Veränderung Ihrer Gelenke, da sie die Gelenkknorpel zerstören und gelenknahe Knochenzellen nur noch unzureichend ernährt werden. Auch in Ihrer Niere findet man diese Tophi, hinzu kommen hier noch atherosklerotische Veränderungen der Niere („Gichtniere“).

Oft findet man die Gichterkrankung bei Patienten, die auch zu hohen Blutdruck, Arteriosklerose, Übergewicht,  Diabetes oder zu hohe Blutfettwerte haben.

Ihre Ernährungsweise hat einen entscheidenden Einfluß auf die Harnsäurekonzentration im Blut. Es werden Ihnen als Gichtpatient heute aber keine strikten Diäten mehr vorgeschrieben, außer dass Sie Lebensmittel mit einem hohem Puringehalt meiden sollten. Dazu beschaffen Sie sich am besten Lebensmitteltabellen. Diese geben an, wie viel Harnsäure maximal aus den Purinen eines Lebensmittel entstehen. Dazu müssen Sie wissen, dass 100 mg Purine einer Menge von 300 mg Harnsäure entsprechen, und Sie die tägliche Zufuhr auf 300-500 mg Purine begrenzen sollten.

Gichtpatienten sollten sich mit 100 g  Fleisch oder Wurst pro Tag begnügen. Mit Milch, fettarmen Milchprodukten, wie Käse, Joghurt etc., Eiern, Kartoffeln, Nudeln, Brot und purinarmen Gemüse wie Karotten, Tomaten, Fenchel, Paprika, Zucchini sollten Sie sich vorwiegend ernähren. Als Zubereitungsart eignet sich Kochen besser als Braten, da ein Teil der Purine ins Kochwasser übergeht.

Meiden sollten Sie purinreiches Gemüse wie Erbsen, weiße Bohnen und Linsen. Purinbomben sind aber auch Innereien, die Haut von Geflügel und vegetabile Hefepasten und die purinreichen Fischsorten wie Sprotten, Ölsardinen, Heringe, Sardellen und Krustentiere.

Entwarnung gibt es für Kaffee, Tee, Kakao und Schokolade, sie erhöhen den Harnsäurespiegel nicht.

Sie sollten täglich zwei Liter trinken, aber möglichst nichts Alkoholisches, da beim Alkoholabbau in der Leber Abbauprodukte (Laktat) entstehen, die wiederum nämlich die Ausscheidung der Purine über die Niere hemmen. Bier, auch alkoholfreies, enthält erhebliche Mengen Purine. Der Verzicht auf Alkohol ist bei vielen Patienten oft  schon als einzige diätetische Maßnahme ausreichend.

Wichtig ist eine gleichmäßige Ernährung. Gichtanfälle werden durch veränderte Harnsäurespiegel ausgelöst, wie z.B. nach „Festessen“, aber auch bei Fastentagen. Ihre purinarme Ernährung ist die Basis der Behandlung, und sie hilft Arzneimittel einzusparen.
Es gibt aber auch die schlanken Patienten, die sich purinarm ernähren und trotzdem Medikamente brauchen, weil die erblich bedingte Ausscheidungsschwäche der Niere für Harnsäure stark ausgeprägt ist.
Übergewichtige sollten versuchen, ihr Gewicht langsam abzubauen. Also keine Crash-Diäten, da sie einen Gichtanfall auslösen können. Beim Fasten bildet der Organismus Ketonkörper, die die Ausscheidung der Harnsäure über die Niere hemmen.

Zur Behandlung eines akuten Gichtanfall werden Colchicin, Schmerzmittel (sogenannte nichtsteroidale Antirheumatika) oder Glucocorticoide gegeben. Welches Arzneimittel zum Einsatz kommt, liegt im Ermessen des Arztes. Alle drei sind gleichwertig.
Colchicin bessert zuverlässig die Beschwerden, indem es in das Entzündungsgeschehen eingreift, aber es senkt nicht den Serumharnsäurespiegel oder lindert den Schmerz.
Zur Schmerzlinderung und Entzündungshemmung wird kurzzeitig der Wirkstoff Indometacin eingesetzt oder auch das Glucocorticoid Prednisolon. Auch sie senken nicht den Harnsäurespiegel.

In den symptomlosen Zeiten gilt es, die Harnsäurespiegel konsequent und lebenslang wegen der Folgeschäden zu senken. Als Dauermedikation nimmt man den Wirkstoff Allopurinol zur Reduktion der Harnsäurebildung oder Brenzbromaron, das die Ausscheidung von Harnsäure im Urin erhöht.
Bei sachgerechter Therapie unterscheidet sich Ihre Lebensqualität und Lebenslänge als Gichtpatient nicht vom Gesunden.

Möchten Sie noch mehr wissen, dann beraten wir Sie gerne. Wir haben die Möglichkeit, Ihnen auch einmal Ihren Harnsäurewert im Blut zu messen oder Ihnen eine Lebensmitteltabelle oder Broschüre über Gicht mitzugeben.

 

Quelle: Pharmazeutische Zeitung, Nr. 7, 14.02.2002, S. 10-14
Checkliste Ernährung, Paolo M. Suter, Thieme Verlag